Das Ende des “Petrol Head Mindset”

Ein Appell zum Umdenken – von Oliver P. Kaul (Geschäftsführer, amperio GmbH und Projektleiter Ladeinfrastruktur, KWiQ Point Projects GmbH)

Auf der diesjährigen Fachmesse Power2Drive 2021 diskutierte ich mit anderen Fachleuten von NewMotion, ALVERE, L-Charge und Vector Informatik GmbH über die Sinnhaftigkeit von langsamem oder schnellem laden. Sehr kontrovers haben wir insbesondere diskutiert, ob die Netzbetreiber Ladestationen im heimischen Bereich ansteuern dürfen, um diese bei extremen Lastspitzen im Netzgebiet herunter zu regeln. Welche Rolle spielt dabei unser „Petrol Head Mindset“?

Eingriff in das persönliche Umfeld

Der Eingriff in das persönliche Umfeld ist immer eine sehr sensible Sache. Wenn aber jeder das Bedürfnis oder die Erwartung hat, dass seine Wallbox immer die maximale Leistung liefern soll, wird in Deutschland das heimische Laden nicht funktionieren.

Das haben Versuche mit zehn Haushalten in Baden-Württemberg bewiesen. Nur wenn der Netzbetreiber die Lasten regeln kann, können gleichzeitig alle Fahrzeuge angeschlossen werden. Die Ladeleistung und der Zeitpunkt des Ladevorgangs müssen allerdings von einem intelligenten System übernommen werden. Natürlich soll jeder das Anrecht darauf haben, dass ein Fahrzeug zu einer vorher bestimmten Uhrzeit voll geladen zur Verfügung steht. Wann jedoch das Fahrzeug geladen wird, muss das System bestimmen können. Natürlich ist das ein sehr starker Eingriff in die persönliche Entscheidungsgewalt eines jeden Einzelnen. Allerdings wird dies, wenn man es denn die Individuum überlässt, zu einem Kollaps des Netzes führen.

Wenn wir in der heutigen Zeit so denken wie zur Zeit der Erfindung des Verbrennungsmotors – mit unserem „Petrol Head Mindset“ –  dann werden wir die gleichen Ergebnisse erzielen, die wir heute haben: eine Welt, die durch fossile Brennstoffe funktioniert. Eine Welt, wo der Mensch die Erwartung hat, so schnell auf der Autobahn fahren zu dürfen, wie er nur möchte. Eine Welt, in der der Ladevorgang so schnell erfolgen muss, wie man es von fossilen Brennstoffen kennt. Wo hat uns das eigentlich hin gebracht? In eine Welt, in der schneller und weiter anscheinend besser sein soll?

Von TESLA lernen

Warum ist eigentlich TESLA so erfolgreich geworden? Weil die Entwickler die Mobilitätslösung als Ökosystem betrachtet haben und nicht in seinen einzelnen Komponenten. Das System Tesla ist perfekt aufeinander abgestimmt: Fahrzeug, Batterie, Ladestation und nun auch die dazugehörige Energieversorgung (in Form von Solardächern und Energieverträgen). Spricht man mit Nutzern dieses Systems, kritisieren diese das System nur selten und wenn, dann nur für reduzierte Ladeleistung an den Tesla Superchargern. Größtes Lob für das System ist die Zuverlässigkeit an den Ladepunkten. Denn durch das Zusammenspiel von Fahrzeug, Batterie und Ladestation funktioniert das System zu 99,9 % der Fälle. Einfach einstecken. Einfach laden. Einfach fahren!

Zukunft der Ladetechnik und Ladegeschwindigkeit

Zurück zu der Diskussion auf der diesjährigen Power2Drive, ob Netzbetreiber in die Ladeleistung der heimischen Wallbox eingreifen sollen… Als Fachexperte kann ich dieser Auffassung nur zustimmen.

Grundvoraussetzung ist aber, dass mein Fahrzeug zu einer vorgegebenen Uhrzeit voll geladen sein muss!

Wie das System (bestehend aus Ladestation, Netzbetreiber und Energieversorgung) das am kostengünstigsten und Netz schonend hinbekommen, soll intelligente Technik regeln. Ich kann somit nur jedem empfehlen, der sich heute eine Wallbox kauft, dass diese nicht nur netzdienlich ist, sondern auch internetfähig und eichrechtskonform. Dies ermöglicht, dass Sie die Ladevorgänge gegenüber fremden Dritten abrechnen und zukunftssicher per Fernwartung auf dem neuesten Stand halten können. Denn wie auch Tesla das vorgelebt hat, sind in dieser schnelllebigen Zeit die sogenannten “Over the Air Updates” (d.h. Softwareaktualisierungen über WLAN) notwendig, um Ladestationen den Entwicklungen der Fahrzeuge ständig anzupassen.

Bei der Diskussion, ob schnelles oder langsames Laden im Markt dominieren soll, kamen wir auch zu keinem konkreten Ergebnis. Wir kamen zu der Erkenntnis, dass jede Ladegeschwindigkeit im Markt sinnvoll ist, jedoch diese dem Anwendungsfall und dem Standort angemessen gewählt werden soll. Konkret heißt das, dass es Standorte geben wird, bei denen nur langsames Laden mit drei Phasen und 11 kW sinnvoll erscheint und andere Standorte das gesamte Spektrum bis 450 kW DC anbieten werden. Dass die Preise für diese Leistung unterschiedlich sein müssen, sollte jedem auch klar sein, denn die Beschaffung von hohen Leistungen wird deutlich teurer sein als für 11 kW für eine Wallbox.

Ein neues Mindset

Beim Aufbau einer Schnellladeinfrastruktur der Fahrzeuge bedarf es auch eines neuen Mindsets. Es gibt Fahrzeuge, die in 18 Minuten eine Reichweite von 300 km nachladen können. Nicht jeder muss in dieser kurzen Zeit so viel Reichweite laden können. Aber jeder, der es benötigt, sollte dies tun können! Die Energie für diese hohen Leistungen dürfen nicht, wie gewohnt, heute einfach aus dem Netz gezogen werden. Dafür ist unser Stromnetz nicht ausgelegt worden. Stattdessen benötigt jedes produzierende Unternehmen mit Ladepark (wie dem KWiQ Point) auch sein eigenes Kraftwerk, welches dezentral die Energie erzeugt.

Diese Kraftwerke produzieren jedoch die Energie lokal, zentral und regenerativ. Wie wir aber wissen, sind die meisten Energiequellen nicht 24/7 verfügbar. Somit entsteht der Bedarf, hohe Energiemengen lokal zu speichern, um eine stabile Versorgung zu gewährleisten. Wie das zu schaffen ist? Natürlich bedarf es kluger Ansätze, die nicht aus der Verbrenner-Welt kommen können, sondern von den Menschen, die sich mit der Stromerzeugung, Stromlieferung und Speicherung seit Jahrzehnten beschäftigen. Auch hier benötigen wir wieder das Mindset der Menschen, die in „Strom denken“ anstatt in fossilen Brennstoffen.

Wir müssen umdenken

Man könnte stumpf behaupten, dass bestimmte Denkstrukturen unserer Gesellschaft kein Platz mehr haben in einer nachhaltigen Zukunft. Die Erwartung, dass ein Fahrzeug binnen 3 Minuten Energie aufnehmen muss, gehört nicht in die moderne Welt. Eine Welt, in der man seine Ziele mit einer gewissen Entschleunigung und Entspannung erreichen soll. Warum muss man eine Pause in 3 Minuten absolvieren, wenn es für für den Menschen und für das gesamte Energiesystem wertvoller ist Pausen einzulegen, um sich selbst regenerieren zu können?

Zwischen dem Einstecken und Abstecken eines Elektrofahrzeuges übernimmt die Technik den gesamten Vorgang. Währenddessen kann der Mensch sich um seine persönliche Erholung kümmern. Es sollte doch möglich sein, alle 2-3 Stunden eine Pause von 20 Minuten machen zu können. In einer Zeit, in der wir so effizient geworden sind, kann es doch nicht das Ziel sein, immer mehr und immer schneller alles erreichen zu wollen, oder doch?

Die Ladepausen bei Elektrofahrzeugen sind ein Gewinn für die Gesellschaft, denn die Technik zwingt den Menschen zu Pausen, die er sowieso machen sollte.

Und wenn der E-Autofahrer eine Pause macht, soll er sie auch so sinnvoll einsetzen, dass tatsächlich eine Erholung des Körpers stattfindet und darüber hinaus eine Nahrungsaufnahme erfolgt, die dem Menschen gut tut, also gute Energie zuführt.

Wir sollten in der heutigen Zeit rekapitulieren, wie ist zu diesem „Petrol Head Mindset“ gekommen ist und warum wir die Erwartungshaltung haben, dass alles schnell erfolgen muss. Warum kann man nicht in der individuellen Mobilität umdenken und Reisepausen einbauen, die die Reise angenehmer machen? Warum muss es dazu kommen, dass ich mich nach einer Reise erholen muss anstatt mich während der Reise zu erholen?

Entschleunigung

Wer elektrisch fährt, hat bereits die Erkenntnis gewonnen, dass die Fortbewegung in einem Elektroauto deutlich entspannter ist als in einem Verbrennungsmotor. Warum? Das Fahrzeug ermutigt mich zum Entschleunigen. Die gesamte Geräuschkulisse in einem Elektroauto ist deutlich ruhiger als in einem Auto mit Verbrennungsmotor.

Diese Ruhe, wie sie ein Elektroauto ausstrahlt, wirkt sich positiv auf den Menschen aus und diese Ruhe sollte nun positiv kanalisiert werden in entspannteres Reisen.

Nur auch hier erwartet den Menschen bei den Rastanlagen eine alte Welt. Eine Welt, die nicht konzipiert wurde um zu entschleunigen. Noch weniger für eine gesunde Nahrungsaufnahme. Daher bedarf es auch an den Rastanlagen eines Umdenkens mit folgendem Zielgedanken: Während das Fahrzeug Energie aufnimmt, kann der Mensch das auch tun. Nicht nur in Form von gesunder Nahrungsaufnahme, die förderlich ist für die Gesundheit, sondern auch zur Entspannung des gesamten Körpers, der bei der Fortbewegung unter einem gewissen Stress leidet. Diese Themen gehören in eine ganzheitliche Betrachtung der Mobilität im Individualverkehr.

Fazit

Soll also die Technik in unser Wohlbefinden eingreifen? Auf jeden Fall unter der Grundvoraussetzung, dass die Erwartungen die ich als Konsument habe, auch erfüllt wird. Dafür muss die Technik zuverlässig und intuitiv einfach zu bedienen sein, damit auch die Großeltern meines Sohnes mit dieser rasanten Entwicklung klarkommen.

 

Wie denken Sie über das Thema? Hinterlassen Sie uns gerne einen Kommentar unter diesem Beitrag.

 

Mehr Infos:

www.amperio.eu (Fachplanungsbüro für Ladeinfrastruktur)
www.kwiq.eu (Ladepark der Zukunft)